Wohnhaus Johann Schütte

Von Luft und Liebe…

 

Den Ehrgeiz in die Wiege gelegt

Der zukünftige Luft- und Schifffahrtsvisionär Johann Heinrich Carl Schütte, geboren am 26. Februar 1873 in Osternburg, lebte in seiner Jugend an der Adresse Amalienstraße 5. Dieses und andere benachbarte Häuser wurden im Jahr 1977 im Zuge der Vorbereitungen für den Neubau der Amalienbrücke und der Verbreiterung der Amalienstraße abgerissen. Heute steht hier ein modernes Gebäude der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen Bezirksstelle Oldenburg.

Schüttes Vater, Heinrich Wilhelm Ludwig Schütte, Sohn eines Landwirts und Gärtners, war erst Kapitän auf der großherzoglichen Luxusyacht „Lensahn“ und später Beamter am Oldenburgischen Hof. Er genoss hohe gesellschaftliche Anerkennung, die er auch für seinen Sohn vorsah. So schickte der ehrgeizige Vater den jungen Schütte 1879 auf die Oberrealschule Oldenburg, wo dieser 1892 das Abitur machte. Später studierte er Schiffbau an der Königlichen Technischen Hochschule in Berlin Charlottenburg, da es in Oldenburg keine entsprechende Bildungseinrichtung gab.

In Stromlinien zum Erfolg

Schon während seines Studiums wurde Schüttes Talent bekannt, womit er sich 1897 eine Anstellung beim Norddeutschen Lloyd (NDL), einer Reederei in Bremen, verdiente. Im Rahmen seiner Arbeit am NDL errichtete er die Schleppmodell-Versuchsstation in Bremerhaven. Hier wurde untersucht, welche Bauform Hochseeschiffe benötigen, um den geringsten Widerstand zu erzeugen und somit möglichst schnell fahren zu können. Schütte beschäftigte sich viel mit den dynamischen Eigenschaften von Wasser (Hydrodynamik) und leitete die 1900 gegründete „Abteilung für schiffbautechnische Versuche“. Im Auftrag der Norddeutschen Seekabelwerke baute er für die Werft „Stettiner Vulkan“ den ersten deutschen Kabelleger. Bei der ersten Fahrt der „Stephan“ 1903 wurde ein Seekabel zwischen Emden und den Azoren verlegt. Im Jahr darauf wurde Schütte als 31-jähriger Professor am Lehrstuhl für Theorie des Schiffes und Entwerfen von Schiffen an der neugegründeten Technischen Hochschule Danzig-Langfuhr.

Mit seiner Erfahrung trug er viel zur Förderung neuer technischer Entwicklungen bei. In der wissenschaftlichen Gemeinschaft verhalf ihm sein wachsender Erfolg zu großer Anerkennung. Dies verschaffte ihm einen Posten an der Seite des schiffsvernarrten Oldenburger Großherzogs, Friedrich August. Der Großherzog war Mitbegründer der Schiffbautechnischen Gesellschaft und Gründer des Deutschen Schulschiff-Vereins (DSV) in Bremen. Für teure Anpassungen an seiner privaten Dampfyacht „Lensahn“ beauftrage er Schütte.

Affäre, Berufswechsel und Höhenflug

Als jedoch die außereheliche Liebesbeziehung zwischen Johann Schütte und der Großherzogin Elisabeth zu Oldenburg, der zweiten Ehefrau des Großherzogs, bekannt wurde, war Schüttes Zeit in Oldenburg vorbei und die Karriere am Oldenburger Hof beendet. Großherzog Friedrich August zog sich aus der Förderung der Schiffsindustrie zurück. Damit einhergehend scheiterte die Errichtung einer Versuchsanstalt für Schiffbau an der Technischen Hochschule Danzig, an deren Planung Schütte beteiligt war.

Fortan war der Schiffbau für Johann Schütte keine Option mehr. Stattdessen sah er größere Möglichkeiten in der Luftfahrt. Seit dem Absturz der „LZ4“, einem Luftschiff aus der Hand Ferdinands Graf von Zeppelin, der als Vater der Luftschifffahrt gilt und später zu Schüttes Konkurrent wurde, interessierte sich Schütte für den Luftschiffbau. Ein Zitat von Schütte aus dem Jahr 1908 lautet: „Nachdem ich […] auf Grund der Lektüre über die gegenwärtig vorhandenen lenkbaren Luftschiffe gesehen habe, dass auf allen Ecken und Kanten die elementarsten Fehler gemacht sind, beabsichtige ich, selber ein Luftschiff zu bauen“. Schütte hatte erkannt, dass seine Forschungsergebnisse aus der Aquadynamik, insbesondere die Prinzipien von Stromlinien und Wasserwiderstand, auf die Dynamik der Luft (Aerodynamik) anzuwenden waren. Bei seinen Konstruktionen von Luftschiffen gelang es ihm, durch den Stromlinienbau den Luftwiederstand zu minimieren – ein entscheidender Vorteil zu den Luftschiffen von Zeppelin, denn dadurch waren sie schneller und wendiger. Sein „System Schütte“ ließ sich der Erfinder patentierten.

Krieg und Frieden, Profit und Verlust

Anfang 1909 traf Johann Schütte auf Karl Lanz, einem Luftfahrtfan und Inhaber der Mannheimer Landmaschinenwerke Heinrich Lanz AG. Dieser vermögende Geschäftsmann unterstützte Schüttes Luftschiffbau finanziell. Aus dieser Partnerschaft ergab sich der Luftschiffname „SL“, dem Kürzel von Schütte-Lanz. Schütte erstes Luftschiff, die „SL1“, war zwar deutlich teurer als die Zeppeline, aber auch leistungsstärker. Ende 1912 verkaufte es Schütte-Lanz an das preußische Heer.

Im selben Jahr, am 15.7.1912, flog ein Luftschiff des Konkurrenten Zeppelins, die „LZ11“ mit dem Namen „Viktoria Luise“, auf einer Fernfahrt von Düsseldorf nach Hamburg mit neun Passagieren auch über Oldenburg und landete auf dem Rennplatz in Ohmstede. Für Schütte vermutlich ein schwerer Schlag, das Luftschiff des ärgsten wirtschaftlichen Feindes über der alten Heimat fliegen zu sehen; für die Oldenburger:innen hingegen war es ein großes Ereignis.

Schütte verbesserte seine Konstruktionen stetig und konnte das Nachfolgemodell, die „SL2“, im Jahr 1914 erneut an das Militär verkaufen. Luftschiffe beider Hersteller wurden im Ersten Weltkrieg für Aufklärungsflüge und Bombenangriffe, insbesondere auf Großbritannien, eingesetzt. Sowohl Zeppelin als auch Schütte-Lanz hatten die Verwendung der Luftschiffe von vornherein als Kriegswerkzeug im Auge. Das entsprach dem damaligen Zeitgeist, der geprägt war von preußischem Militarismus. Das Unternehmen Schütte-Lanz wuchs mit 22 gebauten Luftschiffen für Heer und Marine zum zweitgrößten Luftschiffhersteller heran. Schütte versuchte diesen Erfolg auch auf Flugzeuge auszuweiten, scheiterte jedoch an kostspieligen Konstruktionen, die sich nicht verkaufen ließen.

Die im Kriegsverlauf stärker gewordene englische Luftabwehr minderte den Kriegsnutzen der langsamen und nicht gepanzerten Luftschiffe. Somit blieben Käufe durch das Militär aus. Die Zeit der Luftschiffe war zu Ende. Das Unternehmen Schütte-Lanz wurde 1924 zahlungsunfähig und musste geschlossen werden.

In Ahlhorn, unweit von Oldenburg, waren während des Ersten Weltkrieges 25 Zeppeline stationiert, die an der Bombardierung Englands teilnahmen. Das Fliegerdenkmal im „Kleinen Bürgerbusch“ nahe des Fliegerhorsts gedenkt den Toten der Zeppelin-Luftschiffe L31, L32, L39, L43, L44 und L50 im Ersten Weltkrieg. Statt in Ahlhorn wurde es am 20. August 1933 zu nationalsozialistischen Propagandazwecken zeitgleich mit der Eröffnung des Fliegerhorsts in Oldenburg eingeweiht.

Träume festhalten

Im selben Jahr der Unternehmenspleite verstarb Schüttes Sohn und einziger Erbe, Wilhelm Schütte im Alter von 25 Jahren. Privates und berufliches Schicksal führten dazu, dass Schütte sich von der Luftschifffahrts-Industrie abwendete. Zwar arbeitete er weiterhin als Professor an der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg, doch zog er sich 1938 vollständig vom gesellschaftlichen Leben zurück. Zuvor bemühte er sich, seine Visionen nachhaltig zu sichern. 1935 versuchte er seine Patente an das faschistische Italien zu verkaufen. Schütte war Nationalsozialist und schon 1933 gelobte er als Vorsitzender der Schiffbautechnischen Gesellschaft (STG) öffentlich Hitler treue Gefolgschaft. In seiner Idee von einer Ausstellung zur Luftschifffahrt fand er Unterstützung durch die nationalsozialistische Stadt Oldenburg und des Oldenburgischen Landesmuseums, dem heutigen Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte. Infolgedessen ehrte die Stadt Schütte am 26.3.1938 mit einer Festveranstaltung und der Eintragung ins „Goldene Buch“. Im Schloss wurde im selben Jahr die Schütte-Lanz-Ehrenhalle eingerichtet, die heute noch in Teilen erhalten ist. Dem Museum vermachte Schütte außerdem sein privates Archiv, das aus ca. 8.000 Plänen besteht. Am 29.03.1940 starb Schütte in Dresden. Auf seinen Wunsch hin wurde er auf dem Osternburger Friedhof beerdigt, auf dem auch seine Mutter, Christine Sophie Schütte, liegt. Bereits 1948 wurde sein Eintrag im „Goldenen Buch“ wegen seiner positiven Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus wieder gelöscht.

In Oldenburg zuletzt öffentlich geehrt wurde das Unternehmen Schütte-Lanz 1973 kurz vor seinem 100. Geburtstag mit der Benennung der Schütte-Lanz-Straße in Tweelbäke. Eine Zeppelin-Straße gab es in Oldenburg bereits ab 1929, zur Erinnerung an die Zeppelin-Weltfahrt und den Luftschiffbesuch in Oldenburg von 1912. Eine große Sonderausstellung mit dem Titel „Der Traum vom Fliegen. Johann Schütte – Ein Pionier der Luftschifffahrt“ wurde im Jahr 2000 im Stadtmuseum Oldenburg gezeigt. Hierzu steuerte das Institut für Technische Bildung der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg den Bau des zweiten Schütte-Lanz-Luftschiffs „SL2“ im Maßstab 1:10 bei. Dafür erhielt es einen Eintrag in das Guinness Buch der Rekorde für das seinerzeit weltweit größte Modellbauprojekt.

Was übrig bleibt sind widersprüchliche Erinnerungen und Andenken an einen Mann, dessen Visionen die Schiff- und Luftfahrt geprägt haben. Obwohl es ihn früh aus seiner Heimat Oldenburg hinauszog, begann alles in einem Haus in der Amalienstraße 5.

Text: Marvin Martens, Praktikant am Stadtmuseum (August / September 2022)