Heidenwall

Eine Menge Holz für den Anfang

 

Über die Siedlungsanfänge in Oldenburg ist nur sehr wenig bekannt, schriftliche Quellen existieren quasi nicht. Erstmals wird Oldenburg als „Aldenburg“ (Alte Burg) in einer Urkunde aus dem Jahr 1108 schriftlich erwähnt. Die Urkunde lässt jedoch weder eine Lokalisierung des Ortes „Aldenburg“ zu, noch gibt sie Aufschluss darüber, wie dieser ausgesehen haben könnte. Die ältere stadtgeschichtliche Forschung hat Aldenburg stets mit dem Ort in Verbindung gebracht, an dem sich heute das Oldenburger Schloss befindet, also mit der Altstadt am Markt, die im Mittelalter entstand. Durch umfangreiche Bodenbewegungen, die im Jahr 2007 Baumaßnahmen vorangingen, sind Teile der vermutlich als „erste“ Aldenburg zu bezeichnenden, in der Huntefurt liegende Ringwallanlage bei Drielake wiederentdeckt worden, die neue Erkenntnisse zum Siedlungsbeginn lieferten und verdeutlichen, dass die Anfänge der Stadt nicht nur im heutigen Zentrum liegen, sondern auch ca. 2,3 km östlich des Oldenburger Schlosses zu finden sind. Zwar stammt also die erste Erwähnung der heutigen Stadt Oldenburg aus einer Urkunde aus dem Jahr 1108, doch ist eine Besiedlung in Form einer bäuerlichen Siedlung bereits aus dem 7. und 8. Jahrhundert aufgrund von Bodenfunden und archäologischer Bewertungen nachweisbar. Ob es sich bei der Ringwallanlage um die „alte Burg“ handelt, der die Stadt Oldenburg ihren Namen zu verdanken hat, lässt sich jedoch wegen fehlender historischer Quellen nicht nachweisen.

Im Zuge von Erschließungsarbeiten für ein Gewerbegebiet am Oldenburger Osthafen dokumentierte das Niedersächsische Landesamt (NLD) eine mittelalterliche Ringwallanlage, die möglicherweise der Vorgänger der Burg in der Stadtmitte, des heutigen Schlosses, war. Im Vorfeld nahm das NLD im Mai 2007 einen Probeschnitt vor. Dabei wurden Hölzer der kreisförmigen Befestigung des so genannten Heidenwalls entdeckt. Die Anlage war bereits aus Karten des 17. und 18. Jahrhunderts bekannt. Allgemein war aber angenommen worden, dass sie spätestens beim Bau des Hemmelsbäker Kanals im Jahr 1830 zerstört worden war. Lediglich der Oldenburger Historiker Martin Teller fand durch einen Abgleich von Karten und Satellitenaufnahmen die genaue Lage der Anlage heraus. Er informierte die Stadt Oldenburg im Zuge der Bebauungspläne und setzte sich für den Erhalt des Bodendenkmals ein.

Damit stand fest, dass hier eine gut erhaltene, ringförmige Burganlage und somit ein bedeutsames archäologisches Denkmal angeschnitten war. Die über Jahrhunderte im Boden erhaltene archäologische Substanz musste durch eine wissenschaftliche Ausgrabung für die Nachwelt dokumentiert werden, bevor das Gelände ausgehoben und überspült werden würde. Eine Konservierung und dauerhafte Sichtbarmachung der freigelegten Burgreste vor Ort, wie aus der Bevölkerung während der Grabung wiederholt gefordert wurde, war schon wegen der begrenzten Haltbarkeit der feuchten Hölzer nach ihrer Freilegung nicht möglich. Für die Grabung stand wegen der engen Zeitplanung von Seiten der Stadt im Verhältnis zur Größe, Komplexität und Erhaltung der Befunde nur ein minimales Zeitfenster von knapp fünf Wochen zur Verfügung. Erschwerend kam ein sehr nasser Sommer hinzu. Außerdem verursachte der infolge der benachbarten Bauarbeiten stark schwankende Grundwasserspiegel mehrfach große Probleme. Durch finanzielle und technische Hilfe der Stadt, der Baufirmen, des Technischen Hilfswerks und des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur war es dennoch möglich, den Heidenwall einigermaßen sachgerecht zu dokumentieren.

Die Bezeichnung „Heidenwall“ ist weder der historische Burgname noch beschreibt er seine Zweckbestimmung („Heidenabwehr“), sondern zeugt davon, dass sein ursprünglicher Name, der Erbauer und seine Funktion in späteren Zeiten vergessen wurden und aufgrund des fehlenden Wissens hinsichtlich einer zeitlichen Einordnung den „alten Heiden“ zugeschrieben wurde. Wer genau für den Bau verantwortlich war, ist aufgrund der schwierigen schriftlichen Quellenlage und der historisch komplexen Sachverhalte bezüglich der Herrschaftsstrukturen schwer zu rekonstruieren und bleibt bis heute ungewiss.

Die Anlage ist insgesamt nicht allzu groß. Ihr äußerer Durchmesser beträgt zwar rund 54 Meter. Durch die Breite der Mauer und der Wälle blieb aber nur eine nutzbare Innenfläche von rund 26 Meter im Durchmesser. Die guten Erhaltungsbedingungen machen tiefere Einblicke in das Baugeschehen und den Bauablauf möglich. Für den Baugrund wurden Holzlagen aufgebracht, wodurch eine Art „schwimmendes Fundament“ entstand. In jedem Fall muss der Heidenwall im Kontext der damaligen Verkehrswege, etwa für (Handels-)Reisende oder Pilger*innen, gesehen werden und eine Rolle an einem so wichtigen Hunte-Übergang gespielt haben. Seine Lage an der engsten Stelle der damals vermoorten Hunte-Aue auf einer Sandinsel war von großer Bedeutung: Von dort ließ sich die Huntefurt zwischen Drielake und Donnerschwee überwachen, welche einst Teil des wichtigen regionalen Heerweges von Wildeshausen nach Jever war.

In der neuen Dauerausstellung des Stadtmuseums Oldenburg werden ab 2024 erstmals Teile des Heidenwalls der Öffentlichkeit präsentiert.