Hauptbahnhof

Hin und weg

 

Erbaut wurde der Oldenburger Hauptbahnhof zwischen 1911-1915. Er ersetzt den neogotischen Centralbahnhof des Hannoveraner Architekten Conrad Wilhelm Hase. Dieses erste Bahnhofsgebäude wurde am 21. Mai 1879 eingeweiht. Verantwortlich für den Neubau ist der bekannte Bahnhofsarchitekt Friedrich Mettegang. Inspirieren ließ sich Mettegang von örtlichen Bauernhäusern. Unter der Verwendung des Bockhorner Klinkers werden die Arbeiten ausgeführt. Architektonisch bindet sich der Bahnhof damit an die Region.

Die klare Formensprache der Fassade offenbart Modernität, Effizienz und Funktionalität. Konzipiert als Durchgangsbahnhof mit sieben hochgelegten Gleisen, besaß er als einziger Bahnhof Niedersachsens eine Gleishalle. Die Konstruktion aus Stahl und Glas sorgte für eine optimale, natürliche Beleuchtung und beinhaltete Abzugsöffnungen für den Dampf der Lokomotiven. Die einstmals vor dem Bahnhof liegenden Grünanlagen präsentierten Oldenburg als Gartenstadt.

Der Majolika-Brunnen im Inneren des Bahnhofs, ausgeführt durch die Oldenburger Firma Fritz Neumann mit Fliesen, die aus der Norddeutschen Steingut Fabrik Grohn in Bremen stammen, nimmt die materielle Gestaltung der Fassade auf. Die dominante, klassizistisch gestaltete Kuppel der Eingangshalle erweitert hingegen den regionalen Stil. Der Klassizismus, der Oldenburgs Stadtbild bis heute prägt und die ehemals prächtigen Kronleuchter machen den Bahnhof zu einem Tempel des Reisens.

Berücksichtigt man, dass die Einnahmen aus dem Güterverkehr um 1900 viermal höher liegen als die des Personenverkehrs, so wird klar, dass der Oldenburger Hauptbahnhof auch ein Prestigeprojekt ist. Insgesamt kostete der Neubau 980.000 Mark. Damit ist er der teuerste Hochbau in der Geschichte der Großherzoglich Oldenburgischen Staatseisenbahn.
Mit dem Ausbruch des 1. Weltkrieges und nach Mettegangs Tod, 1913 kommt es zu Verzögerungen bei den Bauarbeiten. Sein Assistent Philipp Langewand übernimmt die Leitung. Die Einweihung findet, ohne große Feierlichkeiten, am 3. August 1915 statt. Der Bahnhof wird sogleich für die Truppen- und Materialtransporte im Krieg eingesetzt. Von Beginn an ist er nicht nur wirtschaftlicher und logistischer, sondern wird auch zu einem emotionalen Knotenpunkt. Von hier aus starten Oldenburger Soldaten in den Krieg.

Der junge Bahnhof wird zu einem Ort des Abschiednehmens, der Trennung, Erinnerung und Heimkehr für Verwundete. Die hohe, bauchige Wölbung der Eingangshalle bietet diesen Emotionen Raum.
In seinem 1927 veröffentlichten, autobiografischen Roman „Soldat Suhren“ beschreibt der in Brake geborene Künstler, Georg van der Vring (1889-1968) den Abschied des Reservisten Suhren von seiner Liebsten im Jahr 1916 mit einem von Soldaten viel gesungenen Lied:

„Willst Du mich noch einmal sehen,
Musst Du nach dem Bahnhof gehen,
In dem großen Wartesaal
Sehn wir uns zum allerletzten Mal.“

(Auszug aus dem Liedtext „Von den Bergen rauscht ein Wasser“ von 1914 zitiert in: „Soldat Suhren“, S. 51 )

Im Verlauf des Romans und vor dem Hintergrund des Krieges kritisiert Suhren, dass sich mit den Bahnhöfen der damaligen Zeit nationale Identitäten verbinden. Er schreibt: „Wenn ich Bahnhofsschilder bemalen dürfte, würde ich sie weiß lassen. Und wenn ich Länder mit neuen Namen versehen müsste, würde ich sie überhaupt nicht nennen.“ („Soldat Suhren“, S. 181)
Um Gleichheit und Gleichwertigkeit, wenn auch nicht auf nationaler so doch auf personaler Ebene geht es auch der Künstlerin Elsa Oeltjen-Kasimir. Anfang der 1930er Jahre gestaltet sie die Fassade des Bahnhofs Bremen-Neustadt mit ihren Klinkerplastiken. Dargestellt sind neben Reisenden Berufsgruppen, die mit der Bahn in Verbindung stehen. Gleichberechtigt steht hier die Plastik Philipp Langewands neben der eines Schaffners. Einige dieser Figuren des 1944 zerstörten Bahnhofs befinden sich im Besitz des Oldenburger Stadtmuseums.

In Fachkreisen sorgt die Architektur des Oldenburger Hauptbahnhofs weiterhin für große Anerkennung. Im „Oldenburger Jahrbuch“ von 1999 urteilt Dr. Annette Roggatz: „Der Oldenburger Bahnhof präsentiert sich als Bauwerk von hoher Gestaltqualität (…) Er stellt ein überregional bedeutsames, unverwechselbares Zeugnis der eigenständigen, großherzoglichen Geschichte Oldenburgs dar". („Der Hauptbahnhof Oldenburg“, S. 160 und S. 175)

Am 13.11.2021 berichtet Patrick Buck in der NWZ von den fehlenden Zeigern an den Uhren des Uhrenturms am Oldenburger Hauptbahnhof. Bis zum Frühjahr 2022 schlug dem glücklich Reisenden in Oldenburg kein Stündchen. Inzwischen sind die Uhren modernisiert und samt Zeigern eingebaut. Die Sanierung des Bahnhofs geht weiter. Wie Thomas Husmann weiß, beginnen die Arbeiten an der Gleishalle Ende 2023. Bis 2027 sollen sie abgeschlossen sein. (NWZ vom 26.04.2022)
 

Text: Dr. Stephanie Bertel Pohl