Universität

Widerstand gegen einen Widerständler

Der Gründung der Oldenburger Universität im Jahr 1973 war eine lange Zeit der Vorbereitung vorausgegangen. Bereits 1960 formulierte der Rat der Stadt Oldenburg den Beschluss, eine Universität zu gründen, welcher später schließlich ebenfalls von Seiten des Landes Niedersachsen offiziell angestrebt wurde. Im Gründungsausschuss der Universität wurde 1972 der Vorschlag formuliert, die Universität nach dem Schriftsteller und Publizisten Carl von Ossietzky zu benennen. Der im Jahr 1974 daraus hervorgehende Beschluss wurde jedoch vom Kultusministerium Niedersachsen mit der Begründung abgelehnt, dass die Namensgebung der Universität nicht in der Satzungsgebung erfolgen könne und darüber hinaus eine Namensgebung nicht mehr zeitgemäß sei. Erst 1991 erfolgte nach der Nivellierung des Hochschulgesetzes die Benennung der Hochschule in Carl von Ossietzky Universität Oldenburg.

Der Namensstreit, welcher die Carl von Ossietzky Universität Oldenburg von 1972 bis 1991 begleitete, kann im Rückblick unter anderem als eine bemerkenswerte Geschichte einer Identitätsfindung und Akkulturation mit der Stadt betrachtet werden. Die Universität stellte in der 1970er Jahren in Oldenburg ein Projekt dar, welches der Stadtgesellschaft als Einrichtung nicht völlig unbekannt war (schließlich hatte die Einrichtung bereits Vorläufer), aber in den Ausmaßen der Debatten und Auseinandersetzungen, die mit ihr einhergingen, neue Dimensionen bedeutete.

Der Namensvorschlag Carl von Ossietzky stammte aus studentischen Kreisen, welche hiermit ganz bewusst einen politischen Akzent im Zuge der Gründung der Universität setzen wollten. Auch mögen die Ereignisse um die Namensgebung an der Universität Düsseldorf seit 1968 die Oldenburger Akteurinnen und Akteure beeinflusst haben. Da zudem jungkommunistische Gruppierungen hinter dem Vorschlag Carl von Ossietzky standen, formierten sich Befürworter und Gegner vehement innerhalb der Stadt. Befürchtungen und Vorwürfe, die DDR könne über Netzwerke Einfluss auf die westdeutsche Hochschulpolitik nehmen, standen im Raum.

Nachdem nun die Namensgebung am Land Niedersachsen scheiterte, wurden die Studierenden aktiv. 1974 brachten sie an einem prominenten Gebäude der Universität den Schriftzug „Carl von Ossietzky Universität“ an. Dieser wurde mithilfe von 200 Polizisten im Juni 1975 entfernt. Rund zwei Wochen später wurde er wieder von Studierenden angebracht.

Fünf Legislaturperioden lang konnte mit den niedersächsischen Landesregierungen unter den Ministerpräsidenten Alfred Kubel und Ernst Albrecht keine Einigung erzielt werden. Die politische Dimension und möglicherweise die Vereinnahmung des Namens Carl von Ossietzky durch die DDR standen dem entgegen. Stadt und Universität rückten jedoch im Zuge dieser Situation mehr und mehr zusammen. Die Ossietzky-Tage wurden 1978 zum 40. Todestag des Freiheitskämpfers zum ersten Mal durchgeführt und Rosalinde von Ossietzky-Palm enthüllte im Zuge dessen ein Mahnmal im Gedenken an ihren Vater. Seit 1984 verleiht die Stadt Oldenburg den Carl von Ossietzky-Preis, mit dem Arbeiten über Leben und Werk von Carl von Ossietzky, über den Widerstand gegen den Nationalsozialismus oder über die demokratische Tradition und Gegenwart in Deutschland ausgezeichnet werden.

Als am 3. Oktober 1991 die Universität Oldenburg schließlich nach dem 1938 gestorbenen Friedensnobelpreisträger benannt wurde, entschuldigte sich Ministerpräsident Gerhard Schröder in einem Festakt bei Ossietzkys Tochter dafür, „was das Land Niedersachsen dem Namen Ihres Vaters angetan hat.“

Carl von Ossietzky war 1972 als Person in Oldenburg weitgehend unbekannt, erinnerungskulturell ein unbeschriebenes Blatt. Auch aus diesem Grunde wählte die Mehrheit der Stadtbevölkerung 1974 bei einer Umfrage der NWZ mit großer Mehrheit die neutrale Bezeichnung „Universität Oldenburg“. In den 1990er Jahren war die Namensgebung eine Selbstverständlichkeit, die Jahre der Auseinandersetzung hatten Carl von Ossietzky zu einem Teil der Oldenburger Erinnerungskultur gemacht.