Drehstromkraftwerk Wendebecken

Wie man es dreht und wendet.

 

Der Oldenburger Stadthafen ist durch die Jahrhunderte und bis heute von baulichen Veränderungen geprägt. So auch die Südseite, an der von der Stadt aus gesehen rechten Seite des Hafens. Der Stadthafen wurde bis in die 1980er Jahre industriell genutzt. Schiffe transportierten Frachtgut bis ins Hafenbecken, um es an den dortigen Lagerhallen abzuladen oder neue Ware aufzunehmen. Um das enge Endstück des Hafens wieder verlassen zu können, benötigten vor allem größere Schiffe ein Wendebecken. 1896 entstand das Becken neben der sogenannten Doktorsklappe, einem ins Wasser ragenden Grundstück. Heute wird das Becken als Liegeplatz für Segelboote genutzt.

Die Fläche der Doktorsklappe hat ihren Namen von ihrem ehemaligen Pächter, einem Doktor und Hofbeamten. Dieser hatte die Fläche im 17. Jahrhundert als Weidewiese gepachtet und über eine Klappe den Wasserfluss auf dem halbinselartigen Grundstück regulieren lassen. Später wurde die Fläche als Lagerplatz genutzt, dann mit einem Bürokomplex bebaut. Im Zuge der neuen Wohnbebauung der Hafensüdseite in den letzten Jahren ist dieser Komplex durch einen neuen Wohnturm ersetzt worden. Direkt neben der Doktorsklappe und angrenzend an das Wendebecken entstand 1925/26 mit einem Drehstromkraftwerk ein industriell und architektonisch bedeutendes Bauwerk.

Das Drehstromkraftwerk gehörte zu einer Reihe Stadtbild prägender industrieller Bauwerke der 1920er Jahre. Im gleichen Jahrzehnt entstanden die Fleischwarenfabrik (auch als Fleiwa bekannt), Amalien- und Cäcilienbrücke und das Wasserkraftwerk in Höhe der Schleuse. Das neue Drehstromkraftwerk ersetzte ein kleineres Elektrizitätswerk (E-Werk) in direkter Nachbarschaft. Dieses erste E-Werk wurde 1907 in Betrieb genommen und lieferte Elektrizität unter anderem für die erstmalige elektrische Beleuchtung der Innenstadtstraßen. Zuvor hatten Gaslaternen die Straßen beleuchtet. Das Werk hatte noch geringe Kapazitäten und der produzierte Gleichstrom konnte nur über kurze Distanzen geleitet werden. So kam das E-Werk bald an seine Grenzen, denn der Bedarf an elektrischer Energie wurde Anfang des 20. Jahrhunderts größer und größer. Industrie- und Gewerbebetriebe hatten einen ebenso steigenden Bedarf wie Privathaushalte. 

In Architektur und Funktion vorbildhaft für das Drehstromkraftwerk war ein Großkraftwerk bei Berlin, das ebenfalls 1926 fertiggestellt wurde. Bauherr beider Werke war das Unternehmen AEG, einer der Marktführer beim Bau von E-Werken. Technisch zuständig für das Bauwerk war der aus Oldenburg stammende Georg Klingenberg, Sohn des Architekten Ludwig Klingenberg. Er entwickelte einen neuen Kraftwerkstyp und plante insgesamt für die AEG über 60 Kraftwerke. Architekt des E-Werks war mit Werner Issel einer der führenden Architekten von Industriegebäuden im 20. Jahrhundert. Der Backsteinbau zeichnete sich durch eine auf den Hafen ausgerichtete Schauseite aus mit einem hoch aufragenden Treppenhaus, das den Bau in der Mitte optisch gliederte. Lisenen im Mauerwerk sorgten mit senkrecht hervortretenden Wandbereichen zusätzlich für eine Belebung der Fassade.

Das neue E-Werk sollte mit höheren Kapazitäten die steigenden Bedarfe decken. Dafür kamen zwei Drehstrom-Turbogeneratoren von je 3.500 Kilowatt und drei mit Kohle betriebene Dampfkessel mit einer Höchstleistung von 35.300 Kilowatt zum Einsatz. Das alte E-Werk hatte zum Vergleich im ersten Betriebsjahr 1907 nur 500 Kilowatt geliefert. Das neue Werk arbeitete nicht mit Gleichstrom, sondern mit Drehstrom (Dreiphasenwechselstrom). Damit konnte eine wirtschaftlichere Ausnutzung des Netzes und somit eine zuverlässigere Stromversorgung gewährleistet werden. Im Geschäftsjahr 1928/29 lieferte das E-Werk 80,5 Prozent der elektrischen Energie für Oldenburg. Die restlichen Prozente lieferte das Wasserkraftwerk.

Überschattet wurde die Bauphase vom Tod Klingenbergs, dessen fehlende Expertise viele technische Mängel mit sich brachte, die zur Verzögerung der Inbetriebnahme führten und noch Jahre nach der Fertigstellung für Probleme sorgten. Dazu kam eine Kostenexplosion. Anstatt der veranschlagten 1,72 Millionen Mark waren es bei Fertigstellung fast eine Million Mark Mehrkosten.

In der Bevölkerung stiegen die Ansprüche nach mehr elektrischer Energie stetig, dennoch wurden Bauphase und Inbetriebnahme des neue E-Werks auch spöttisch begleitet. Die Mängel der Anlage, die gestiegenen Kosten und die Lärmbelästigung in der Umgebung erhitzten die Gemüter, wie ein Zitat aus dem Oldenburgischen Volkskalender von 1927 zeigt: „Und da haben sie hier ein neues Elektrizitätswerk da hinten an der Doktorsklappe gebaut. (…) das war ja vorigen Winter hier gar nicht zum Aushalten. Denk Dir bloß, Du sitzt mit Deiner Frau und Kindern beim Abendbrot und – bums geht das Licht aus. In der ganzen Stadt. Alles pickeduster. (…) Dann geht das Licht mit einem Male wieder an. Hat man einen Augenblick wieder gesessen, bums, ist wieder alles aus. (…) Darum mussten wir nötig ein neues Elektrizitätswerk haben. Hoffentlich kriegen wir dann auch endlich gutes Licht, das nicht immer ausgeht. Das Elektrizitätswerk kostet natürlich einen Haufen Geld, beinahe mehr jeden Tag als sie dachten. Dabei können alle Leute, die da wohnen, überhaupt nicht mehr schlafen. Die Maschinen machen einen dermaßen Radau, dass die Häuser nur so wackeln. (…)“

Nach nur gut 20 Jahren Betrieb wurde das Kraftwerk zunehmend unwirtschaftlich und reichte nicht mehr aus, die Energiebedarfe zu decken. Mit dem Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg musste immer mehr Energie her. In Oldenburg kam die Besonderheit dazu, dass fast 40.000 Vertriebene die Stadt in kürzester Zeit zur Großstadt anwachsen ließen. Für diese Größenordnungen war das Kraftwerk am Hafen nicht ausgelegt. Auch gab es inzwischen modernere Kohlekraftwerke, die bei niedrigerem Kohleverbrauch im Vergleich mehr Energie erzeugten. Ein Ausbau des Werkes am Wendebecken war keine Option, da die Voraussetzungen für die Anlieferung von großen Mengen Kohle fehlten. Den Oldenburger Hafen konnten keine großen Überseeschiffe erreichen. Außerdem gab es neue Kraftwerke, die den Strom nach Oldenburg liefern konnten, wie zum Beispiel das Großkraftwerk im Bremer Ortsteil Farge. Über ein neues Umspannwerk an der Holler Landstraße kam nun der Strom nach Oldenburg. Die endgültige Stilllegung des Werks erfolgte 1954.

Der alte Komplex wurde zu einer Industriehalle umgebaut. Der letzte Schritt dahin war 1956 der Abbruch des großen Schornsteins, der jahrzehntelang über dem Hafengelände aufgeragt hatte. Das Unternehmen Bettfedern- und Bettwarenfabriken Hermann Fromm übernahm das ehemalige Drehstromkraftwerk. 1982 erfolgte der Abriss, obwohl das Gebäude inzwischen unter Denkmalschutz gestellt worden war. Auf dem Grundstück entstand ein neuer Gebäudekomplex, in dem sich heute ein Ausbildungszentrum befindet.

 

Text: Franziska Boegehold-Gude